Oktober 2020

„A hot wer an Zehnaschlissl do?“

Meine journalistische Karriere begann im Herbst 1972 mit Berichten über den Sturm auf die bei Nacht und Nebel frisch aufgestellten Ortstafeln. Die Niederschriften von damals habe ich aufgehoben – nicht ahnend, dass mich dieses Thema fast vierzig Jahre,  bis zum Sommer 2011, begleiten sollte. Erst dann wurden durch das neue Ortstafelgesetz in 164 Ortschaften zweisprachige Ortstafeln und Hinweisschilder aufgestellt. Damit sollte  ein Jahrzehnte langer Streit um die Erfüllung des Staatsvertrages ein Ende finden. Nachfolgend meine Aufzeichnungen vom Herbst 1972

Donnerstag, 28. September 1972, 22 Uhr 30,  St. Veit im Jauntal: je 2 bewachende zivile Beamte am Ortsanfang und –Ende. Frage: „Was machen sie da?“ „Wir bewachen die Tafeln!“ „Machen sie das privat?“ „Nein, wir sind von der Gendarmerie. Aber warum fragen sie?“ „Ich bin von der Presse!“ „Hams an Ausweis?“ „Nein, ich frag sie ja auch nicht nach ihrem Ausweis; gibt’s irgendwas Besonderes?“ „No, ja, früher waren zehn Leute da und wollten die Tafeln wegnehmen. Aber das haben wir verhindert.“

In den folgenden Tagen kommt es überall in Südkärnten zu „Ortstafel-Aktionen“: entweder man schraubt die Hinweisschilder vor den Augen der Gendarmen, die sie bewachen (sollten) ab, oder man findet welche, die den Augen der Gesetzeshüter entgangen waren.  Wenige Tage später werden wieder neue montiert, aber das gleiche Spiel der Ortstafel-Stürmer wiederholt sich. 

Dienstag, 3. Oktober 1972, 17.00 Uhr, Bahnhof Klagenfurt. Tipp über bevorstehende Aktion gegen Ortstafeln. Angeblich sollen sich um 19.00 Uhr im Gasthof Rabl (in St. Kanzian) Demonstranten treffen und von dort aus im Unterland Tafeln abmontieren. Um 19 Uhr 45 in St. Veit/Jauntal:  ca.  100 Personen am Ortsende, das Kärntner Heimatlied singend, haben eben einige Tafeln abmontiert. Darauf: „Wohin jetzt?“ „Auf nach Grabelsdorf!“ Bin um 20 Uhr bei Kreuzung Obersammelsdorf (Zvrhnje Zamanje)-Turnersee-Klopeinersee. Nach und nach kommen Autos, werden am Straßenrand abgestellt. 2 Gendarmenin Zivil:  „Was wollen’s da?“ „Wir holen die Tafeln!“ – Die verblüfften zwei Gendarmen, die die Schilder bewachen, kommen erst gar nicht dazu, irgendetwas zu unternehmen.  Aus den Autos steigen ca. 150 – 200 Leute, denen es in wenigen Minuten gelingt, drei dervier Hinweisschilder zu demontieren, wobei man sich anfänglich sogar darüber streitet, ob man sie samt den Ständern entfernen und was mit der einen einsprachigen Tafel geschehen soll. Man einigt sich schließlich darauf, die zweisprachigen abzumontieren(„a hot wer an Zehner-Schlissel do?“) und die deutschsprachige stehen zu lassen. Mittlerweile sind auch Streifenwagen erschienen, deren Besatzung es gelingt, eine der Tafeln im Wagen zu verstauen. Das löst wiederum einigen Unmut unter den Demonstranten aus; sie versuchen, die Beamten zu überreden, die Tafel herauszurücken.  Nachdem dies scheitert, umstellen sie das Fahrzeug und hindern es am Wegfahren. Dem Beamten, der das Fahrzeug steuert, ist das sichtlich zuviel: er gibt Vollgas, wobei sich die Demonstranten nur durch einen Sprung zur Seite vor dem Überfahren retten können. Ich selbst werde wüst beschimpft: „Verräter“ etc. Drohung mit Hitler, Slowenen, Endlösung. Dann auf meinen Einwand: „Wenn man bei der Aktion dabei ist, muss man damit rechnen, dass man auch in der Zeitung erwähnt wird,“ will sich Siegfried P. an mir abreagieren, wird aber von der Gendarmerie daran gehindert.  Den Abschluss des nächtlichen Spuks bildete das Absingen desKärntner Heimatliedes. Dies gelingt nicht zuletzt deshalb besonders gut, ist doch bei der Aktion der fast vollständig erschienene Männergesangsverein von St.Kanzian anwesend. Ich fahre nach ca. 45 Minuten ab. Im verdunkelten Haus hole ich das Notwendigste und schlafe auswärts. Informiere den Posten Eberndorf telephonisch und bitte ihn, auf den Streifenwegen auchbei unserem Haus vorbeizufahren.

Freitag 6. Oktober 1972: Einvernahme auf dem Posten Kühnsdorf. Kann auf die Frage nach weiteren Aktionen keine Antwort geben. Habe von Jugendlichen gehört, die zu bewachten Tafeln liefen und dort die Gendarmen auslachten. 

Wer waren diese Leute, die sich nicht scheuten, unter den Augen der Gendarmerie und den Blitzlichtern der Presse gegen bestehende Gesetze vorzugehen; was veranlasste sie, das zu tun? Vor allem zu Beginn der Aktionen konnte man merken, dass die vorwiegend jugendlichen Teilnehmer einfach dabei sein wollten – die Aktionen vom 3. Oktober hatten den Charakter eines Volksfestes. Die Organisatoren, aktive Mitglieder von ÖVP und FPÖ, sprachen über Jugoslawien, als sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser Teil Südkärntens unter kommunistische Herrschaft fällt (sic!). Der Tenor der ablehnenden Meinung lag darin, dass der Schritt von zweisprachigen Ortstafeln bis zur neuerlichen Einverleibung durch den Nachbarn nur ein geringer sei.

„Wir wollen nicht wieder erleben, dass wir unsere Kinder vor den Partisanen in Schutz nehmen müssen, wie es unsere Eltern getan haben,“ sagte ein Taxiunternehmer, zugleich ÖVP-Gemeinderat und einer der Sprecher der Demonstranten. Ein Tischlermeister aus Eberndorf: “ Ich spreche russisch und slowenisch, aber ich möchte trotzdem nicht, dass in diesem deutschen Kärnten zweisprachige Tafeln aufgestellt werden.“ Die Hauptargumente bezogen sich auf den Fremdenverkehr (Übernachtungszahl 1971: rund 800.000) – „Was wern die Deitschn sogn, wann alles auf slowenisch steht – samma schon in Jugoslawien?“

Die Stimmung im Lande verbessert sich danach nicht: Rechtsradikale, die nie ausgeforscht werden, schmieren Nazi-Parolen auf Straßenbrücken und Transformatoren, und wo immer der damalige Landeshauptmann Hans Sima auftaucht (der das Ortstafel-Gesetz umgesetzt hatte), sieht er sich mit Hassparolen oder, schlimmer noch, mit faulen Eiern konfrontiert.   Bruno Kreisky, der als Bundeskanzler mit der Überraschungsaktion den Unmut eines Teils der Kärntner Bevölkerung ausgelöst hatte, stellt sich im Oktober 1972 seinen Kritikern. 

Es war jenes Ereignis, das durch den Ausspruch Kreiskys berühmt wurde: „Ein Bundeskanzler verlässt ein Gebäude nicht durch die Hintertür.“  Dass ihm diese Möglichkeit überhaupt angeboten wurde, verdankt er den Demonstranten, die sich vor der Klagenfurter Arbeiterkammer aufgestellt hatten und dem Kanzler lautstark – um nicht zu sagen: brüllend – klar machen wollten, was sie von ihm und der Ortstafellösung hielten. Aber noch war der Bundeskanzler im Saal. Auch in diesem Fall muss ich mich nicht auf mein Gedächtnis verlassen, sondern kann auf schriftliche Unterlagen zurückgreifen, die ich nach von dieser Veranstaltung verfasste.

Dr. Bruno Kreisky, seit 2 Jahren unumstrittener Herrscher der österreichischen Innenpolitik, übte Selbstkritik: Da muss auch bei uns etwas falsch gemacht worden sein, sagte er zu den 1200 Delegierten auf einer sozialistischen Vertrauensmänner-Konferenz in Klagenfurt am Wörthersee. Und einige von ihnenn hattes es vor ihm noch deutlicher gesagt. Aber was hatte man offensichtlich falsch gemacht? Ende Juni verabschiedete die Bundesregierung (sicher nicht unbeeinflusst von den “Schmieraktionen” slowenischer Studenten gegen einsprachige Ortstafeln) auf Grund des Staatsvertrages, Artikel Sieben, ein Gesetz, das die Gemischtsprachigkeit der topographischen Aufschriften in Gebieten mit kroatischer und slowenischer Minderheit regelt.

Kreisky wollte mit seinem Erscheinen in Klagenfurt nicht nur zeigen, dass er sich seinen Kritikern stellt, sondern auch Ruhe einkehren lassen. „Ich bin nicht hierher gekommen, um jemanden zu verurteilen, wohl aber kommt es drauf an, die Dinge gründlich zu prüfen, ehe man nachgibt.“ Als er dann erwähnte, sein Vorgänger (Josef Klaus) habe sich bemüht, das Klima mit dem benachbarten Jugoslawien zu verbessern, drangen von draussen Pfiffe in den Veranstaltungssaal. „Sollen wir uns von ein paar pfeifenden Gassenbuben die guten Beziehungen zu unseren Nachbarstaaten stören lassen,“ wich Kreisky von seinem Manuskript ab, sorgte damit aber nur für größeren Unmut. Dann machte der Bundeskanzler Vorschläge, wie er sich die Lösung des Problems vorstellte. Unter anderem wollte er die Ortstafeln mit rot-weiss-roten Streifen und den Kärntner Farben versehen lassen. „Es wird eine Lösung geben, die auf die Gefühle der Kärntner Rücksicht nimmt, aber auch den Verpflichtungen des Staatsvertrages und der europäischen Gesinnung entspricht.“

Kreisky gelang das nicht, genauso wenig wie seinen Nachfolgern Fred Sinowatz, Franz Vranitzky, Viktor Klima, Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer. Erst unter Werner Faymann unternahm Staatssekretär Josef Ostermayer einen neuerlichen Versuch, der schliesslich im Sommer 2011 mit dem neuen Ortstafelgesetz zum Ziel führte. 

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