20 Jahre nach „9/11“

Meine erste Begegnung mit den Türmen des World Trade Centers geht auf den September 1978 zurück. Es war gleichzeitig meine erste Begegnung mit New York, mit den Schluchten, dem großen, rechteckigen Park im Herzen der Stadt, mit den ungewöhnlichen Verhaltensweisen der Menschen.

Als ordnungsgewohnter Österreicher verstand ich lange nicht, wie jemand bei ROT die Strasse überqueren konnte. Sogar der Außenminister und seine Begleitung – vorwiegend US-affine Personen – hielten sich nicht an das „DONT WALK“ – sie marschierten schnurstracks weiter, zumindest dann, wenn kein Auto in der Nähe war. Und wenn dann doch eines auf sie – oder uns – zukam, dann bremste der Fahrer doch tatsächlich ab, nicht wie in Österreich, wo gehupt und aufs Gas gestiegen wird. Es war aufregend, alles schien sich schneller zu bewegen, zumindest am Gehsteig, rasch hatte man die Regel heraus gefunden, dass man von einem Block zum andern (also zum Beispiel von der 65. zur 66. Strasse) ziemlich genau eine Minute benötigte. So konnte man es sich gut ausrechnen, wie lange man etwa von der 69th Street, wo das Konsulat untergebracht war, bis zur 42nd Street brauchen würde. Bis hinunter zum World Trade Center, das war klar, würde man es zu Fuß nicht schaffen. Aber eines Abends waren wir dort, eingeladen zum Abendessen, noch dazu im „Windows on the World“, dem Restaurant im letzten Stock.

Schon die Lobby war überwältigend: so einen hohen Raum hatte ich noch nie gesehen und so viel Platz – nichts stand herum, alles war frei (erst später wurde mir klar, warum: täglich gingen dort zehntausende Menschen ein und aus, die meisten aus der U-Bahn kommend in die Büros über ihnen).

Man musste nicht unbedingt ein Landkind sein, um von der  Fahrt nach  oben fasziniert zu sein.  Es gab zwar nicht 106 Knöpfe im Lift, für jeden Stock einen, aber es waren unzählige und ich erinnere mich, die ersten in der Kabine, die wir benützten, begannen mit der Zahl 70 – wer weniger weit hinaus wollte, musste eben einen anderen Lift benützen. Und dann die Beschleunigung: ich hatte das Gefühl, es würde mich leicht zusammen pressen, jedenfalls zu Beginn, dann ging es gleichmäßig und mit hoher Geschwindigkeit weiter, bis die Kabine dann wieder abgebremst wurde und man in diesem Zustand den Eindruck hatte, für einige kurze Momente um vieles leichter zu sein.

 

 Ein Passagierschiff verlässt den Hafen von New York – vorbei an den Türmen des WTC

Dann öffnete sich die Tür und – man sah vorerst nichts. Es war dunkel, getäfelt, eine Garderobe verstellte den Blick, auf den man sich schon eingestellt hatte. Aber dann, nach ein paar Schritten ums Eck, war es plötzlich da: ein Lichtermeer, wohin man auch blickte.

Der Süden war noch am wenigsten eindrucksvoll: dort war das Meer, oder jedenfalls der Zusammenfluss von East River und Hudson River (all das wusste ich damals noch nicht, erst später, als ich ein paar Jahre in der Stadt wohnte), man konnte die Freiheitsstatue erkennen, Governors Island und viele Schiffe, einige von ihnen waren auf dem Weg zu oder von Staten Island. Im Osten zeigte sich ein viel dramatischeres Bild: wenn man ganz vorne am Fenster stand, konnte man drei beleuchtete Brücken sehen, die Manhattan mit Brooklyn und Queens verbinden – die Brooklyn, die Manhattan und die Williamsburg Bridge, auf allen dreien funkelten die Lichter der Fahrzeuge, die sie überquerten. Und Queens, selbst eine Millionenstadt, zog sich meilenweit gegen den Osten. Wenn man genauer schaute, konnte man sogar Flugzeuge sehen, die vom John F. Kennedy Flughafen starteten und landeten, kleine leuchtende Punkte, die langsam aus dem schwarzen Himmel in jenes schmale Viereck eintauchten, das von schnurgeraden Lichtern umrahmt war, der Start- und Landebahn. 

Aussenminister Wolfgang Schüssel joggt auf der Brooklyn Bridge (1999)

Im Norden zeigte sich die ganze majästetische Pracht von Manhattan: die Avenues, die wie von einem Lineal gezogen parallel fast im Unendlichen endeten und diese eine breite Strasse, die fast so etwas wie Chaos in die Ordnung brachte, mit ihrem schrägen Verlauf, keine Rücksicht nehmend auf das schachbrettartige Muster; der Broadway.

Und dann die vielen monumentalen Hochhäuser. Die meisten waren einen guten Kilometer entfernt, zwischen ihnen und dem World Trade Center erstreckten sich relativ niedrige Wohn- und Bürogebäude. Das Empire State Building war nicht zu übersehen, nicht zuletzt wegen der unterschiedlichen Farben, in denen die letzten Stockwerke um die Aussichtsplattform herum beleuchtet waren. Nicht weniger beeindruckend war das Citicorp Center, dieser quadratische, silberne Zeigefinger, der in den Nachthimmel ragt, oben um 45 Grad abgeschnitten, wie ein stark vergrößertes Barthaar, das von einer Rasierklinge verkürzt wurde.

Und gegen Westen war am Horizont noch eine letzte Spur der untergegangenen Sonne zu erkennen, dazwischen wieder das Lichtermeer von Hoboken, Jersey City und ganz vorne, am Hudson River, eine riesige Uhr neben der leuchtend roten COLGATE-Lichtreklame. Ich konnte von dem Ausblick nicht genug bekommen. Zum Glück hatte ich meinen Fotoapparat mit mir und so wurde all das Geschilderte auch entsprechend festgehalten (und hilft auch dem Gedächtnis gelegentlich auf die Sprünge).

Die hochrangigen Gäste wurden langsam unruhig, schließlich hatte ich mich immer wieder entfernt, um die atemberaubende Kulisse zu genießen. Aber ich war das kleinste Rädchen in der Gruppe: neben Außenminister Willibald Pahr waren noch der damalige UNO-Botschafter und spätere Bundespräsident Thomas Klestil und seine Frau dabei, Pahr‘s Kabinettschef Anton Prohaska und noch ein weiteres Ehepaar.

Das WTC von ganz unten nach oben abgebildet  – hier zeigt sich eine quasi majestätische Schlichtheit

Es mag fast eine Ironie des Schicksals sein, aber an meinem  einzigen Abendessen im „Window on the World“ nahm auch noch Professor Friedrich Hacker teil. Hacker war damals Mitte sechzig und gehörte zu den bekanntesten Aggressionsforschern in den USA. „Die Brutalisierung der modernen Welt“ und „Terror. Mythos, Realität, Analyse“ sind jene Standardwerke, die ihn berühmt gemacht hatten. Niemand von uns konnte ahnen, dass der Platz, auf dem wir saßen, fast auf den Tag genau 23 Jahre später aus 400 Meter Höhe in die Tiefe krachen würde.

Während meiner Tätigkeit als Presseattache in New York, die 1979 begann, war eine meiner Tätigkeiten auch damit verbunden, österreichische Politiker und deren Begleitung in die Sehenswürdigkeiten der Stadt einzuführen.

Wie in einer Kathedrale sahen die hohen Fenster in der Eingangshalle der beiden Türme aus

Eines Tages kam Viktor Reimann zu Besuch, wenn ich mich richtig erinnere in Begleitung von Jörg Haider (oder umgekehrt?) Reimann war Kulturchef der „Kronen Zeitung“, seine Vergangenheit in der Vorfeldorganisation der FPÖ, dem VdU, machte ihn geradezu prädestiniert für seine aufklärende Serie „Die Juden in Österreich“. Um sich auch in New York einen entsprechenden Überblick zu verschaffen, wollten die Besucher auch die Aussichtsplattform auf dem WTC besichtigen. Und während ich mich bemühte, den Gästen die einzelnen Sehenswürdigkeiten zu erklären, fragte Viktor Reimann völlig unvermittelt: „Sagen Sie, wie hoch liegt eigentlich New York über dem Meeresspiegel?“  Zum Glück wusste ich, wie hoch  w i r  uns gerade befänden, und konnte daher eine einigermaßen überzeugend klingende Antwort liefern…

Im Hubschrauberflug an der Südspitze von Manhattan vorbei – die beiden WTC überragten alles

Noch ein weiterer Besuch in diesem Gebäude blieb mir in Erinnerung, ein Besuch, der, sieht man die Fotos von damals an, einen mit Gänsehaut erfüllt. Ed Fagan war ein amerikanischer Anwalt, der sich darauf spezialisiert hatte, Ereignisse mit besonderer medialer Strahlkraft zu eigen zu machen (das ist die Formulierung für ein persönliches und juridisches Verhalten, die nicht geklagt werden kann…) Im Jahr 2000 hatte Fagan gerade wieder einmal einen derartigen Fall aufgegriffen und der ORF war interessiert daran, mit ihm darüber zu sprechen. Und weil der Anwalt auch nach außen blenden wollte, lud er mich in den 70. Stock des World Trade Centers zum Interview ein.

Während meine Kollegen die Kamera und die Scheinwerfer einrichteten, sah ich, dass eines der Fenster auf den Platz zwischen den beiden Türmen leicht gekippt war: und so hielt ich meine Kamera nach unten und fotografierte die Aussicht: nicht mehr als kleine Pünktchen waren die Personen weit unten – es war, wie sich beim Attentat auf das WTC herausstellen sollte, ziemlich genau jener Bereich – und jener Ausblick – den die verzweifelten Büroangestellten hatten, die sich aus dem Gebäude stürzten, um dem Inferno zu entgehen.

Aus dem Flugzeug fotografiert, vorbei an der Südspitze von Manhattan

Nicht zu übersehen waren die beiden Türme auch beim Anflug auf New York. Wenn man vom Süden kam und auf La Guardia landete, lag die Einflugschneise entweder westlich oder östlich an den Gebäuden vorbei – in beiden Fällen war man so nahe daran, dass man die Besucher auf der Aussichtsterrasse sehen konnte – ich jedenfalls war immer wieder von der Klarheit, der Einfachheit dieser Wolkenkratzer beeindruckt.

Eugen Freund surft am East River vor der Kulisse von Downtown Manhattan (1981)

Was sie für Menschen mit fotographischem Interesse auch so faszinierend machte war, dass man um sie nicht herum kam. Von meinem Fenster im 16. Stock der Wohnung auf der Second Avenue, als Reflexion im UN-Plaza Hotel, als eine Art goldene Zaunpfähle am Ende von Manhattan im Abendlicht von New Jersey aus betrachtet, als markante Begrüßungspfeiler für Schiffreisende, als beleuchtete Kulisse beim Feuerwerk für die 100 Jahr-Feier der Brooklyn Bridge, oder als beeindruckende Wolkenkratzer, deren oberste Stockwerke an manchen Wintertagen in den Wolken verschwanden – Manhattan war ohne die WTC undenkbar.

Die Brooklyn Bridge feiert ihren 100. Geburtstag – Ein Feuerwerk wird zu ihren Ehren abgeschossen

Einmal hatte ich sogar das Glück, gleich zwei Blitzeinschläge in die oberste riesige Antenne fotografieren zu können. Wir waren bei einem photo-shooting in einem Atelier irgendwo in downtown, ein bildhübsches Modell sollte dort für eine Ö-Drei-Kampagne gefilmt werden, plötzlich zog ein schweres Gewitter auf. Durch das Fenster konnte man beide Türme sehen – als erprobter Blitzfotograf war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis der Blitz auch in die Antenne einschlagen würde. Und tatsächlich: einer kam fast senkrecht von oben und versenkte seine Millionen Volt in das Stahlgerüst, der zweite schien es sich noch ein wenig zu überlegen, machte erst einen Bogen, fühlte sich dann aber doch vom Metall so angezogen, dass er sich ebenfalls in der Spitze entlud. (Zwei Anmerkungen: am Tag lassen sich Blitze nur dann fotografisch festhalten, wenn man in dem Moment auf den Auslöser drückt, in dem man den Blitz mit den Augen durch den Sucher wahrnimmt – viel Zeit bleibt da nicht. Und: im Zeitalter der Digitalfotografie ist es auch notwendig hinzuzufügen, dass ich das Ergebnis erst Tage später nach dem Entwickeln der Negative vor mir hatte – es hätte genauso gut auch gar nichts drauf sein können…)

Blitzeinschlag in das WTC: im  Mai 1997 – bei Tageslicht braucht man eine rasche Reaktionsfähigkeit 

Die Türme waren – wenn dieser Ausdruck bei vorwiegend ökonomisch genutzten Gebäuden gestattet ist – quasi ans Herz gewachsen. Und ich kannte jeden  Quadratmeter von ihnen.

 

  1. September 2001, 14 Uhr 30, ORF-Zentrum Wien: die gesamte Redaktionskonferenz trifft sich wie jeden Tag im Sitzungszimmer, um über die Themen für die Zeit im Bild um 19 Uhr 30 zu beraten. Es ist ein schwacher „News“-Tag ohne herausragende Themen: aus Bayern wird ein BSE-Fall gemeldet, Australien muss einige hundert Bootsflüchtlinge doch aufnehmen, Österreich überlegt, wie es sich für die bevorstehende Verkehrslawine aus den Mittel- und Osteuropäischen Ländern rüsten kann… genug also, um eine ZIB zu füllen. Mein Aufenthalt als US-Korrespondent in Washington war gerade erst vorüber, seit Anfang September musste ich mich wieder an die Routine der „normalen“ Auslands-Redaktions-Tätigkeit gewöhnen.

 

Im Konferenzzimmer stehen zwei TV-Geräte, die aber nicht immer eingeschaltet sind. Um ca. 14 Uhr 50 drücke ich bei einem auf den Knopf, er ist auf CNN vorprogrammiert: es dauert ein paar Sekunden bis sich die Röhre aufwärmt, dann sehe ich plötzlich eine Nahaufnahme eines brennenden Gebäudes: Rauch steigt auf, offenbar schon einige Minuten, denn die Außenwände sind bereits schwarz eingefärbt. Ich rufe in den Raum, zu niemandem bestimmten: „Das ist das World Trade Center in New York, es brennt…“ Als die Kamera dann die Totale zeigt, ist jeder Zweifel zerstreut: das ist die Südspitze von Manhattan und eines der markantesten Gebäude ist dort in Flammen. Ich laufe sofort in mein Zimmer, um mir dort weitere Informationen zu holen. Meine Kollegin Hannelore Veit eilt ins Studio und geht knapp vor 15 Uhr kurz auf Sendung. Ein paar Minuten später holt mich eine Sekretärin: „Du musst schnell zur Hannelore, wir machen weiter live.“ Ohne ein Blatt Papier, ohne sonstige Unterlagen (und ohne Schminke) setze ich mich an den Moderationstisch, das Video einer „Sonderzib“ läuft ab und wir zeigen die Bilder, die CNN in die ganze Welt ausstrahlt. Hannelore Veit meldet sich mit einer „kurzen Sonderausgabe der ZIB“ und berichtet, „zwei Flieger sind in die Türme des World Trade Centers geflogen und haben dort riesige Löcher hinein gerissen…“   „Wir erwarten in den nächsten Sekunden ein Video, auf dem man sieht, wie das zweite Flugzeug in den 2. Turm des World Trade Centers hinein geflogen ist,“ füge ich hinzu, „Hier sehen Sie am unteren Bildrand die Explosion…“ Mir kommt zugute, dass ich den Tatort, im engeren und weiteren Sinn, fast wie meine sprichwörtliche Westentasche kenne. „Das Attentat, wenn man davon ausgehen kann, dass es ein solches war, hat sich vor etwa einer drei Viertel Stunde ereignet“, informiere ich die Zuseher, die sich erst zugeschaltet haben, „es ist zu hoffen, dass zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viele Personen in dem Gebäude beschäftigt waren…“

Um ca. 15 Uhr 30 meldet sich Präsident George W. Bush zu Wort. Erst später erfahren wir, dass er in Florida ist, dort Schulkindern aus einem Märchenbuch vorliest. Andrew Card, ein enger Mitarbeiter des Präsidenten, kommt in den Raum, flüstert ihm etwas ins Ohr. Bush bleibt unbewegt. In der kurzen Rede danach spricht er nur davon, dass man die Terroristen jagen und zur Verantwortung ziehen werde.

Im Laufe des Nachmittags überschlagen sich die Ereignisse, Gerüchte sind von Tatsachen kaum mehr zu trennen: Explosionen vor dem US-Aussenministerium in Washington werden gemeldet, ebenso, dass das Washington Monument gesprengt worden sei; ein Hubschrauber sei direkt vor dem Pentagon explodiert, danach stellt sich heraus, dass ein weiteres Flugzeug in das amerikanische Verteidigungsministerium gerast ist. Das Capitol, wo Senat und Repräsentantenhaus untergebracht sind, soll das nächste Ziel eines Anschlags werden, ebenso das Weiße Haus – alle Bundesgebäude werden evakuiert. Der Sears Tower in Chicago, das höchste Bauwerk der USA, soll ebenfalls im Visier von Terroristen sein. Apropos Terroristen: es wird heftig spekuliert, wer hinter den Anschlägen stünde. Meine Überlegungen damals: „Wir sollten vorsichtig sein, was Schuldzuweisungen betrifft. Auch bei dem Anschlag auf das staatliche Bürogebäude in Oklahoma City im April 1995 wurde spekuliert, dass   arabische Terroristen dafür verantwortlich seien. Danach hat sich herausgestellt, dass es ein einheimischer Rechtsradikaler war, der diesen grausamen Anschlag mit über 150 Toten ausgeführt hat…“

Experten im Studio helfen uns aus, die Lücken zu füllen. Der oberste Feuerwehrchef von Wien wird über die Rettungsmöglichkeiten befragt, wie hoch Leitern hinauf reichen, ob die Sprinkler noch funktionieren… Fragen, die sich innerhalb weniger Minuten überholen sollten: beide Türme brechen in sich zusammen, für 3000 Menschen gibt es keine Rettung mehr.  Und die USA, diese selbstbewusste, offene Gesellschaft, verwandeln sich in kurzer Zeit in einen Staat, der wie ein weidwund geschossenes Reh  noch zumindest zwanzig Jahre an seinen Wunden lecken wird.

 

 

 

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