Leseprobe: „Der Tod des Landeshauptmanns“

Jasmin Köpperl griff nach der Zuckerdose. Es war bereits ihr dritter kleiner Brauner, diesmal hatte sie noch extra ein Kännchen Milchschaum dazu bestellt. Sie legte die drei Seiten, die sie gerade gelesen hatte, auf den Tisch und dachte nach. Ihr Blick schweifte hinaus auf die Bahnhofstraße. Ein älterer Herr, der einen Trachtenhut trug, in dessen grünem Band eine Fasanfeder steckte, ging direkt am Caféhaus- Fenster vorbei, aber sie nahm ihn nicht wahr, sie fokussierte auf nichts. Zweimal hatte sie den Text durchgelesen, aber sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Sie, die immer so gut organisiert war, die ihre Storys stets im Kopf formuliert hatte, bevor sie sie auf Papier oder später in den Computer schrieb, war am Ende. Nicht einmal einen einfachen Text zu analysieren war sie in der Lage. Zu viel war in den letzten Tagen über sie hereingebrochen.

Der Aschenbecher quoll über von halb angerauchten Zigaretten. So oft hatte Jasmin schon das Rauchen aufgeben wollen. Das bislang letzte Mal war es ein Versprechen, das sie Stefan gemacht hatte. Er hasste den Rauch, einmal sagte er ihr sogar, er würde sie nie wieder küssen, wenn sie nicht endlich die Zigarettensucht aufgebe. Die 40-jährige Journalistin konnte es einfach nicht glauben, was da über sie herein- gebrochen war.

Ihr Handy hatte geläutet, gerade als sie dabei war, ihr Notebook einzupacken, um auf eine Pressekonferenz zu gehen. Am anderen Ende war die Polizei. „Hier ist Revierinspektor Bugelnik, spreche ich mit Frau Köpperl?“ Er wollte wissen, ob und wo er sie persönlich treffen könne. Nein, er könne ihr am Telefon nicht sagen, worum es sich handle. Ein kalter Schauer rieselte ihr über den Rücken, so wie damals, als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhalten hatte. Er war, ganz plötzlich, an seinem Arbeitsplatz gestorben, vom Stuhl gefallen, lag am Boden. Ein Mitarbeiter hatte den dumpfen Knall gehört und sich umgesehen. Er erspähte ein Bein, das hinter dem Schreibtisch herausragte, sich hin und her bewegte wie ein Kolben in einem Boxermotor. Als die Rettung kam, war es schon zu spät. Gerhard, ein Arbeitskollege, der längst zum Freund der Familie geworden war, hatte Jasmin angerufen und ihr das völlig Unerwartete mitgeteilt.

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Von: straggerst@aon.at
An: jasmin.koepperl@gmx.at

Der Besuch in Wien erwies sich für David als sehr lehrreich. Sein Großvater hatte nicht nur ein phänomenales Gedächtnis, sein historisches Wissen war genauso einzigartig. Schon beim Frühstück begann er vom Zusammenbruch der Monarchie zu erzählen, das war ihm wichtig, schließlich waren seine Eltern damals aus Lemberg nach Wien gezogen. Und er schilderte präzise und mit vielen Einzelheiten, wie sich die Situation für die Juden danach verschlechtert hatte. „Eines Tages, als Mutter vom Einkaufen zurückkehrte, hatte sie Tränen in den Augen. Wir hatten sie so noch nie erlebt. Vater fragte, was vorgefallen sei. Sie wollte nicht darüber sprechen. Aber Vater ließ nicht locker. Und so erzählte sie, wie sie auf der Straße angepöbelt wurde, wie ihr drei junge Männer den Weg verstellten, ihr den Einkaufskorb entrissen und alles auf den Boden warfen. ,Da, Judensau, klaub’s wieder auf,‘ riefen sie und lachten dabei. Dann nahmen sie das Mehlsäckchen, streuten den Inhalt auf den Gehsteig und zeichneten mit ihren Fingern einen Davidstern hinein. Jedes Mal, wenn Mutter, auf dem Boden kniend, die verstreuten Sachen aufheben wollte, den Laib Brot oder die Kartoffeln, die einzeln herumrollten, jedes Mal stieg einer mit seinem Stiefel drauf und zerquetschte sie vor ihren Augen oder stieß sie weg, wenn sie hingriff.“ Irgendwann wurde es Emily, seiner Frau, zu viel und sie bat ihn, doch das Thema zu wechseln. Joshua wusste, wie nahe ihr diese Geschichten gingen und gab nach.

Als sie aufstanden, fiel Joshuas Blick auf die vielen Tageszeitungen, die neben dem Eingang auf Zeitungsständern hingen. Er nahm die größte von allen zur Hand, es war „Die Presse“, jene Zeitung, die auch seine Eltern zuhause gelesen hatten, und blickte auf die erste Seite. Die dominierende Überschrift betraf Kurt Waldheim – und er wusste gleich, um wen es sich da handelte, schließlich hatte der Österreicher zwei Amtsperioden als UNO-Generalsekretär in New York gedient. Einmal war Waldheims Frau sogar in sein Geschäft auf der Second Avenue gekommen und hatte eine wunderschöne Vase von Kolomann Moser gekauft. Joshua überflog den ersten Absatz. Da war von einer „Wehrstammkarte“ die Rede, von Waldheims „SA-Zugehörigkeit“ von seinem Aufenthalt in der Nähe von Saloniki, wo damals Tausende Juden verschleppt und umgebracht worden waren. Und dann fiel ihm noch ein Artikel auf Seite eins auf. „Haider will nicht FPÖ-Obmann werden“, stand da zu lesen. „Haider“, dachte Joshua, „Haider?“ – den Namen habe ich doch schon einmal gehört. Doch viel mehr Zeit gab ihm die Familie nicht, Emily und David wollten endlich in die Stadt gehen. So gab er nach.

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Als er wieder in seinem Zimmer war, geisterte der Name immer noch in seinem Kopf herum. Joshua öffnete seinen Hartschalenkoffer, den er nur halb ausgepackt hatte, und zog ein vergilbtes, stark abgegriffenes Notizbuch heraus. Er hatte das Buch auf all seinen Österreich-Reisen dabei, obwohl er nicht genau wusste, warum er es immer mitnahm. Es war für ihn wie ein Tagebuch, auch wenn er schon Jahrzehnte nichts mehr hineingeschrieben hatte. Auf dem mittlerweile stark in Mitleidenschaft gezogenen aufgeklebten Titelblatt konnte man – mit einiger Fantasie – „Austria1945“ entziffern. Aber Joshua wusste ohnehin, was darin zu finden war. Er hatte sich während seiner Zeit als Besatzungssoldat in Österreich immer wieder Notizen gemacht – alles, was ihm wesentlich erschien, hatte er in diesem Büchlein festgehalten. Mit feiner Bleistiftmine war Seite für Seite gefüllt mit Berichten, tagebuchartigen Eintragungen, Nachrichten der BBC oder der „Voice of America“ – Englisch und Deutsch wechselten ständig ab. Joshua Krimnick blätterte wahllos, auf Seite 30 blieb er zufällig beim 5. Juli hängen: „Die Stimme Amerikas, Amerika ruft Österreich, meldet um 18 Uhr 45: In Österreich wird nach dem Muster Deutschlands eine interalliierte Besetzung durchgeführt werden, aber Österreich wird als befreites und nicht als besiegtes Land behandelt wer- den …“ Ein paar Seiten weiter stieß er auf das Datum August 15, 1945. „Japanese surrender was simultaneously announced 9 hours ago in London, Moscow, New York, and Hongkong …“ Joshua war sicher, dass er unter diesen Eintragungen et- was finden würde, was ihm weiterhelfen würde. Und tatsächlich: auf Seite 58 – die Seitenzahlen hatte er selbst hineingeschrieben – fand er eine Eintragung: „Interrogation of POWs“ („Einvernahme von Kriegsgefangenen“) und da stockte ihm der Atem: Neben dem Vornamen Robert war in Blockbuchstaben der Name Haider zu lesen. Feinsäuberlich hatte sich Joshua Krimnick damals notiert, dass besagter Haider an der Ostfront tätig gewesen war, seine 45. Infanteriedivision war in schwere Kämpfe mit russischen Soldaten verwickelt, sie hatten Häuser niedergebrannt, Partisanen erschossen, Brunnen verseucht, Brücken gesprengt, Straßen vermint. Trotz einer Verwundung kämpfte Robert Haider noch in den letzten Kriegstagen im Böhmerwald. Kurze Zeit danach wurde er von den Alliierten verhaftet. Joshua Krimnick war es, der Haider verhört hatte, er vermutete, dass dieser an Kriegsverbrechen beteiligt war, aber Beweise hatte er keine gefunden und zum damaligen Zeitpunkt waren die „kleinen Fische“ nicht interessant genug.page26image4648page25image44480Eines wusste Joshua: Er musste herausfinden, ob es zwischen dem „Jörg“, von dem in diesen Tagen so viel in den Zeitungen zu lesen war, und „Robert“ eine Verbindung gab. Und dann wollte er auch David von seiner Entdeckung erzählen, irgendwann, wenn Emily nicht dabei war, sie wollte von den Kriegsgeschichten einfach nichts mehr hören.

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Von: straggerst@aon.at
An: jasmin.koepperl@gmx.at
Die Jacht krachte aufs Wasser. Kapitän Zoran Mitśić hatte das Steuerrad fest im Griff, mit der rechten Hand schob er den Gas- hebel fast bis zum Anschlag. Die zwei Dieselmotoren brummten sonor im Bauch des Schiffes. Die „Madeleine“ sah schon im Hafen schnittig aus, mit ihren schwarz getönten Scheiben, die auf der Seite nach vorne zugespitzt waren. Dazu kamen je vier ovale Bugaugen unter der breiten Chromleiste, die sich rund um den Schiffskörper zog. Lediglich das Alu-Geländer, das vom Heck bis zum Bug Passagiere beim Sonnenbad schützen sollte, störte ein wenig den eleganten Gesamteindruck. Die drei Kabinen im Unterdeck waren nur halb besetzt, der Gast aus Ös- terreich hatte sich auserbeten, diese Ausfahrt vom kroatischen Poreč aus mit möglichst wenig Passagieren zu unternehmen. Und die, die an Bord waren, hatte er persönlich ausgewählt.

Die Mahagoni-Tür von Kabine Zwei öffnete sich und heraus trat ein junger Mann: Niko hatte schwarzes, gelocktes Haar, stechende blaue Augen, sein muskulöser nackter Oberkörper verriet, dass er sich viel Zeit fürs tägliche Fitnessprogramm nahm. Seine Haut schimmerte golden bis zu seinen makellosen Füßen, bekleidet war er nur mit einer engen, weißen, bis knapp über die Knie reichenden Hose. Sein Mund spiegelte ein verschmitztes Lächeln wider, doch bis er die wenigen Stufen in eine Art Wohnzimmer genommen hatte, war es wieder verschwunden. In der Lounge waren zwei der vier tiefen Lederses- sel besetzt, auf dem Tisch standen ein paar Gläser, gefüllt mit hochprozentigen Drinks, die Eiswürfel klirrten bei jedem Auf- prallen des Schiffs auf dem Wasser. Die beiden Männer in den Ledersesseln schenkten den Geräuschen keine Aufmerksamkeit. Sie waren intensiv in ihr Gespräch vertieft. Marko Batović war etwa Mitte vierzig, durch sein dunkles, kurz geschnittenes Haar zogen sich Silberfäden, man konnte ihm ansehen, dass er kein Kostverächter war: Das weiße Hemd, das erst ab dem dritten Knopf zugeknöpft war, wodurch ein Teil seiner grau- schwarz behaarten Brust zum Vorschein kam, wölbte sich leicht über dem Hosengürtel. Als Kabinettschef des kroatischen Ministerpräsidenten saß er zwar im Zentrum der Macht, aber das war auch das Problem: Die meiste Zeit verbrachte er im Sitzen, sowohl im Büro als auch bei den vielen offiziellen Essen.

Schräg gegenüber ragte Bogdan Milotović, seit kurzem Chef der kroatischen Reskro-Bank, deutlich über die Sitzgelegenheit hinaus: Er war knapp zwei Meter groß, seine Schuhe ließ er sich in Maßarbeit herstellen, und auch all seine anderen Extremitäten waren seiner Länge angepasst – die Nase zog sich unge- wöhnlich lang über sein Gesicht, und wenn er sprach, ruderten seine Arme mit den eleganten, schlanken Fingern, als würde er gerade den Schlussakkord von Mahlers Neunter Symphonie dirigieren. „Und warum nicht Raiffeisen?“, hörte Niko, als er die zwei leeren Gläser ergriff und den Redefluss der beiden mit der Frage unterbrach, ob er ein Abendessen zubereiten solle. „Wo ist denn unser Freund aus Österreich?“, fragte Bogdan Milotović und blickte dabei Niko in die Augen. Niko musste zwar auf die Frage vorbereitet gewesen sein, aber er errötete und wies mit der Hand Richtung Unterdeck. „Er wird wohl noch in seiner Kajüte sein, nehm ich einmal an.“ Die beiden blickten einander vielsagend an, aber keiner wollte das Thema weiter vertiefen. „Ja, bring uns etwas zu essen“, sagte Batović, „aber gleich für drei Personen.“

Kaum war Niko Richtung Bordküche verschwunden, betrat ein strahlend lächelnder, braungebrannter Mann den Raum. Er trug ein blaues Poloshirt, grellgelbe lange Hosen, seine Füße steckten in hellbraunen Rauleder-Mokassins. „Gentlemen, vot a great trip, and a beautiful ship.“ „Mr. Haider, schön, Sie wiederzusehen. Sind Sie auch hungrig? Wir haben gerade das Abendessen bestellt.“ Jörg Haider legte eine Hand auf seinenBauch und machte eine kreisförmige Bewegung: „Da hat schon was Platz – ich gehe nur noch kurz aufs Deck hinaus.“ Und schon durchquerte er den Raum, nahm zwei Stufen auf einmal und war aus dem Blickfeld seiner Gastgeber verschwunden.

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