Wie ich die Mondlandung erlebte

Mein Großvater und ich*

Das Blatt ist vergilbt, am Rand etwas ausgefranst, das Foto zeigt auch, dass man damals von hochauflösender Wiedergabe noch weit entfernt war. Kein Wunder, das ganze liegt genau 50 Jahre zurück, Zeitungspapier war damals noch ein Billigprodukt.

Die Abbildung, von der die Rede ist, zeigt mich mit 17 (obwohl ich im Juli 1969 schon 18 Jahre alt war) und lässt mich, quasi als Antwort zur „Frage des Tages“, ziemlich, pardon, klugscheisserisch  sagen: „Das Wettrennen zum Mond hat nichts mit Prestige und nichts mit militärischen Faktoren zu tun…Weltraumforschung – die bevorstehende Landung auf den Mond bedeutet in dieser Hinsicht nur einen winzigen Schritt nach vorne – stellt in weitester Sicht die Zusammenarbeit aller Staaten dar…“  Ok, das war nun tatsächlich ziemlich weit nach vorne geblickt. Aber vielleicht lag mir das eben doch im Blut.

Kärntner Tageszeitung, ca. Juli 1969

Ein paar Jahre davor war mein Großvater aus Neuwied am Rhein zu uns nach St. Kanzian am Klopeiner See gezogen. Als langjähriger Amateur-Astronom (schon 1909 hatte er sich aus unterschiedlich geschliffenen Gläsern ein Fernrohr gebaut, um damals den Halley’schen Kometen näher an sich heran zu ziehen) war es sein großen Ziel, sich eine eigene Sternwarte zu errichten. Bei uns wurde er nicht nur durch ein passendes Grundstück, sondern vor allem durch die klaren Nächte fündig. So entstand in den Jahren 1961/62 neben der Volksschule ein kleiner Flachbau, auf dem eine ca. dreieinhalb Meter hohe Kuppel thronte. Drinnen stand ein Teleskop, dessen Spiegel er in vielen, vielen Abenden und Nächten er selbst geschliffen und dessen präzisionsgenaue Nachführung mittels Elektromotor er selbst entworfen und gebaut hatte. St. Kanzian am Klopeiner See hatte seit damals eine Privatsternwarte und ich einen Großvater, der mich „in die Geheimnisse des Firmaments einweihte.“ So las es jedenfalls Luise Prasser aus dem Manuskript vor, das ca. 1965 den Fernseh-Beitrag über den „jungen, gelehrigen Schüler“ im Wochenmagazin „Welt der Jugend“ begleitete. Vonwegen.

Ingenieur Helmrich Lambrecht und sein selbst gebautes Fernrohr, ca. 1972

Mein Großvater war ein so strenger Deutscher, dass wir Kinder uns nur selten zu ihm trauten, sein scharf abgerichteter Foxterrier, der den Garten bewachte, trug das Übrige dazu bei. Gelegentlich waren wir natürlich trotzdem auf der Sternwarte, sahen die Krater des Mondes in einer Detailgenauigkeit, wie sie kein Feldstecher liefern konnte, und dazu den Ring des Saturn und die Monde des Jupiters. Führungen in der Sternwarte durch den „Herrn Ingenieur“ gehörten zur ungewöhnlichen Attraktion der Fremdenverkehrsgemeinde. „Bei klarem Sternenhimmel“, so kündigte eine schwarze Holztafel am Zaun mit Kreideschrift geschrieben, an, konnte man auf einer schmalen Holzstiege durch die Garage zum Fernrohr nach oben klettern („Bitte Haxn sauber abkratzen“ war auf einer selbstgebastelten roten Leuchtschrift zu lesen.) An schönen Tagen, oder besser: Nächten fanden sich zwanzig oder noch mehr Urlauber in dem kleinen Rund wieder, in dessen Mitte dieses imposante Fernrohr stand. Kinder durften dann oft die Kurbel drehen, mit deren Hilfe sich die beiden Schiebteile öffneten, die den Blick nach außen frei gaben. Ein starker Elektromotor mit einem entsprechenden Zahnrad trieb eine Gliederkette an, die die Kuppel um 360 Grad herumdrehte. So konnte man vom Polarstern bis zu den meist südlich befindlichen Planeten alle Wunder des Himmels anpeilen.

Die Sternwarte in St. Kanzian am Klopeiner See, ca. 1969

In der Nacht zum 21. Juli 1969 war der Andrang der Besucher riesig: alle wollten auf die Sternwarte, um das einmalige Schauspiel einer Mondlandung von der Erde aus zu verfolgen. Da half es nichts, dass mein Großvater auf besagter Holztafel ankündigte, dass Größenverhältnisse und die Entfernung Erde – Mond es nicht zuließen, dass man die Raumkapsel auch tatsächlich beobachten werde können. Jeder wollte zumindest das Gefühl haben, noch näher dabei gewesen zu sein, als das mit freien Auge möglich war. Wir Kinder (meine zwei Schwestern und ich) wollten uns das Spektakel aber doch lieber im Fernsehen anschauen, den wir freilich damals noch nicht hatten. Unsere Freunde, eine Lehrerfamilie, die gegenüber in der Volksschule wohnte, lud uns gerne ein, sich bei ihr und ihrem TV-Gerät die Nacht um die Ohren zu schlagen. So wurde uns Peter Nidetzky, Othmar Urban, Hugo Portisch und der legendäre Dr. Pichler zu vertrauten Begleitern einer an Langeweile kaum zu überbietenden TV-Sendung: nicht und nicht wollte das eintreten, worauf wir eigentlich warteten: dass der erste Mensch endlich den Boden des Erdtrabanten betritt. Aus heutiger Sicht, nach meiner eigenen, langjährigen Erfahrung mit „live“-TV-Sendungen, war das für die TV-Pioniere ein Alptraum: zehn Minuten, ja zwanzig, ließen sich durch Geplaudere überbrücken, aber ein, zwei oder gar drei Stunden? Solange mussten wir mitten in der Nacht warten, bis es endlich so weit war: „A small step for man but a giant leap für mankind.“ Zwanzig Minuten nach vier Uhr früh war es endlich so weit – trotz der unscharfen schwarz-weiß-Bilder waren wir fasziniert. Die Sprünge über den Mondboden, die Neil Armstrong vor laufender TV-Kamera vollführte, bleiben unvergesslich.

Dreißig Jahre später, mittlerweile hatte sich die internationale Zusammenarbeit im Weltall von „Klugscheisserei“ zur Realität entwickelt (freilich nicht alles andere, wovon ich im Zeitungsinterview fantasiert hatte…) war ich bei Start einer Saturn-Rakete im Weltraum-Zentrum in Florida dabei. Nur wenige Kilometer von der Startrampe entfernt, donnerte das riesige Geschöpf wie ein Güterzug durch meine Ohren – tatsächlich war für mich der Lärm das faszinierendste bei diesem Raketenstart. Die Sternwarte ist nach dem Tod meines Großvaters in meinen Besitz übergegangen, eine Gruppe von Amateur-Astronomen macht bis auf weiteres Führungen für interessierte Sternenfreunde und mein Blick für den Himmel hat sich auch geschärft: mit meinem – kleineren aber sehr lichtstarken – Teleskop blicke ich selbst immer wieder in den „klaren Sternenhimmel“ und lasse mich, wie in diesen Tagen von einer teilweisen Mondfinsternis oder dem Ring des Saturns verführen

 

*(Diesmal nicht von James Krüss sondern von Eugen Freund)

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