Wie wir Afrika richtig helfen können

Nein, um Lebensrettung geht es nicht. Wenn es all denen, die jetzt so tun, als wäre die Schließung der Mittelmeer-Route  d i e  Lösung, nur damit Migranten nicht auf ihrer Überfahrt sterben, dann müsste eine Politik mit Weitblick schon viel früher eingreifen: Verlässliche Zahlen gibt es nicht, aber Experten gehen davon aus, dass bei der Durchquerung der Sahara mehr Flüchtlinge ums Leben kommen als bei der Fahrt über das Mittelmeer.

Was immer es jetzt an echten oder schlagzeilenträchtigen Vorschlägen gibt, wie man dem Problem Herr werden könnte, sie zielen auf das gleiche hinaus: die Migranten von Europa fernzuhalten.  Zu wenig kümmert sich die Politik – und damit ist auch die der Europäischen Union gemeint – um die tatsächlichen Auslöser der Fluchtbewegung: die jahrzehntelange Ausbeutung ihrer Heimat durch europäische Kolonialstaaten, die bis in die Gegenwart durch Überfischung und Landraub anhält. Hunger, Hitze, Dürre, Korruption kommen noch dazu.

Nicht alle Probleme lassen sich kurzfristig lösen, doch die moderne Technologie hat längst eine ganze Palette von Ideen parat, die zum Teil auch schon umgesetzt werden – in vielen Fällen von US-Amerikanern, Europa hinkt, wie so oft, hinterher.  Nehmen wir als Beispiel die Elektrizität: heute leben mehr Menschen ohne Strom als zu Zeiten, als Thomas Alva Edison die Glühlampe erfand.  Und das gilt besonders für das südliche Afrika. Laut einem Bericht, der kürzlich im „New Yorker“ erschien, bringt seit einiger Zeit vor allem die Photovoltaik vielen Menschen dort einen ungeahnten Lebensstandard: zusammen mit Lithium-Ion-Batterien, deren Preise dramatisch gesunken sind, lassen sich Hütten elektrifizieren, Licht, Ventilatoren, TV-Geräte und Kühlschränke sind keine unerreichbaren Anschaffungen mehr. Nicht unwesentlich sind auch Auflademöglichkeiten für Smartphones, für die viele Bewohner bislang oft eine Tagesreise zur nächsten Steckdose unternehmen mussten. Das Geheimnis heißt dabei „off-grid“. Im Unterschied zu Europa und den USA, wo Kommunen seit mehr als einem Jahrhundert über Leitungen mit Strom versorgt werden, überwindet man das Problem in vielen Regionen der Sub-Sahara mit unabhängigen Photovoltaik-Modulen. Viele der US-Firmen, die Kooperationspartner etwa in Kenia oder in Ghana gefunden haben, stellen gleichzeitig Kredite zur Verfügung, damit sich die Menschen die Investitionen auch leisten können.  Auch in diesem Bereich muss Europa dringend aufwachen.  Wir im Parlament in Brüssel schlafen jedenfalls nicht: eben haben wir eine Resolution ausgearbeitet, die – so heißt es schon in ihrem Untertitel – der Entwicklung in Afrika einen kräftigen Schub verleihen soll. In einem Zusatzartikel, den ich eingebracht habe, wird die EU-Kommission aufgefordert, „unseren afrikanischen Partnern mit Hilfe umweltfreundlicher und nachhaltiger Maßnahmen Energie zukommen zu lassen und dabei im Besonderen sogenannte off-grid Lösungen zu unterstützen.“  Neben den erwähnten Selbstverständlichkeiten wie Licht und Kühlung in den Hütten könnten auch Bewässerungsanlagen und Pumpen mit Photovoltaik betrieben werden – damit würden Felder, die schon seit Jahren brach liegen, wieder zum Anbau von Weizen oder Futter für die Tiere verwendet werden.

Natürlich lassen sich diese Vorstellungen nicht von einem Tag zum anderen in die Tat umsetzen. Aber je früher wir damit beginnen, desto besser. Denn im Unterschied zur „Sperre der Mittelmeer-Route“ liegen hinter solchen Maßnahmen nachhaltige Lösungen, die die Lebensumstände der Menschen dort längerfristig zum Positiven wenden – freilich, reißerische Schlagzeilen wird man sich damit nicht einheimsen können.  

 

 

Copyright © 2017 Eugen Freund.